Am Donnerstag ist Maria aus der Kirche ausgetreten. Ein lange überfälliger Schritt, zu dem es aber bislang nicht kam, weil kindliche Indoktrination eben mächtige Spuren hinterlassen. Maria hat keine kirchlichen Eltern, aber eine sehr katholische Großmutter aus dem Schlesischen. Diese ist so katholisch, dass sie direkt nach der Geburt von Maria, die Mutter lag noch im Wochenbett, eigenmächtig zu den DDR-Behörden zog und diese davon überzeugte, dass das Mädchen einen anderen (biblischeren) Vornamen als den von der Mutter vorgesehen bekommen soll. Der Stunk darüber hallt noch bis heute nach, aber nun heißt Maria eben Maria. Auch die katholische Taufe geschah letztlich nur der Großmutter zuliebe und schließlich war das reine kirchlich sein damals auch schon soetwas wie Opposition zum System. Danach besuchte sie als Kind und Jugendliche viele Bibelstunden.
Als sie vor unserer Hochzeit zum Evangelentum konvertierte, war ihr Zweifel zwar schon ziemlich gefestigt, sie wollte aber trotzdem nicht ganz vom Glauben lassen. Immerhin war sie nicht mehr bei den Kinderfickern, die vertuschten, statt aufzuarbeiten. Die unehrlich waren, weltfremd und unchristlich.
Als ich dem damaligen evangelischen Pfarrer ehrlich sagte, dass ich nicht gläubig bin, es Maria aber wichtig ist, kirchlich zu heiraten, ließ sich dieser ziemlich betteln, damit es dann doch noch wenigstens zu einem „Gottesdienst zur Trauung“ kommen konnte. Auch diese Kirche hinterließ also von Anfang an nicht nur ein gutes Gefühl. Maria wollte trotzdem weiter in der Kirche bleiben, denn sie wähnte ihre Kirchensteuer ausschließlich zu karitativen Zwecken verwendet, was sie immer noch wichtig und gut genug fand.
Vor einiger Zeit nun wurde der Kirchenbezirk aufgelöst, zu dem unser Dorf (und 14 weitere) gehörten. Die ziemlich aktive Kinder- und Jugendkirche ist nun ohne Betreuung und kulturell genutzte Kirchengrundstücke werden verwaisen, weil es die Landeskirche vom Schreibtisch aus entschied. Damit fiel auch der letzte persönliche Bezug, den Maria noch zur Kirche hatte. Nun trat sie aus.
Dank der vielen Bibelstunden musste sie die Standesbeamtin aber dennoch mehrfach und nur halb im Spaß fragen, ob sie denn nun in Hölle käme. Die junge Standesbeamtin erwies sich jedoch als schlagfertig und antwortete nach mehreren »Kann ich ihnen wirklich nicht sagen…« schließlich mit »Bislang ist noch keiner von denen, die aus der Kirche ausgetreten sind, jemals wieder bei mir aufgetaucht.«
Am Freitag nahm ich den Kirchenaustritt zum Anlass, mich mal wieder auf dem Friedhof zu zeigen. Es gibt immer noch Zeiten, da kann ich dort längere Zeit nicht hin. Es zeigte sich aber, dass die vor einigen Wochen von mir gepflanzten Herbstblüher aus dem Supermarkt sich prächtig entwickelt hatten. Das Grab sah dadurch ganz gut aus. Ich stellte frische Schnittblumen dazu, zündete eine Kerze an, hielt einige innere Monologe. Es ist eine Sache, nicht an Gott zu glauben und eine andere Sache, die Toten nicht zu ehren.
Für diesen Grabbesuch und weil Hannah ja irgendwie zur Musikschule musste und weil es regnete und weil solche Feste ja eh immer voller Stolperfallen und Fettnäpfchen sind, ließ ich das diesjährige Betriebsfest saußen. Zu der Zeit, wo die mir bekannten Kolleg(inn)en dort aufschlagen wollten, hätte ich eh schon wieder weg gemusst. In Summe war mir das alles sogar recht.
Stattdessen aßen wir abends noch bei Freunden, ich bewunderte das neue Motorrad meines ältesten Freundes und trank ein paar Bier dazu. Das war besser.
Noch vorher brachten wir, erstmals als völlige Heiden, Erntedankgaben für den letzten Gottesdienst unseres scheidenden Pfarrers zur Kirche. Dort ist alles in Auflösung begriffen und nichts funktioniert mehr. Keiner nahm wie versprochen die Gaben entgegen und keiner hatte hierfür die Kirche aufgeschlossen, doch wir kannten das Geheimversteck und schrieben eine Nachricht.
Mein Verein, der letztlich aus der guten Jugendarbeit eines DDR-Hippiepfarrers hervorging, spielt seit zwei Jahrzehnten zum Erntedankfest ein Theaterstück für Kinder. Das ist immer sehr lustig. In diesem Jahr wurde das Theaterstück vollständig von Kindern des Vereins geschrieben und gespielt. Schön zu sehen.
Unter den Erwachsenen des Vereins ist es jedoch seit einiger Zeit usus, vor jeder Vereinsveranstaltung ein (oder zwei) Ouszo zu trinken, damit es eine gelungene Veranstaltung wird. Bier gibt es auf dem Dorf sowieso und gab es auch auf dem Erntedankfest. Es entwickelte sich spontan ein sehr lustiger Nachmittag und es gelang mir gerade so, die eigenen und die nach Hause mitgereisten Kinder zum Abendessen zu füttern, schließlich war Maria schon zum runden Geburtstag einer ehemaligen Kollegin weitergezogen.
Am Sonntag fühlte sich erst Maria blümerant und schob es auf zu viel Partyessen, dann fing auch ich an, mich blümerant zu fühlen, was Marias Theorie entkräftete. Die folgenden 24 Stunden verbrachten wir mit Schüttelfrost, Magen- und anderen Krämpfen aller Art sowie großer Freude darüber, über zwei Bäder zu verfügen. Es ging uns wirklich nicht gut. Magen-Darm. Ist ja auch im Umlauf.
Als sich am Montag auch noch Hannah meldete und wegen Übelkeit aus der Schule abgeholt werden wollte, mussten wir eine Weile darüber diskutieren, wer von uns beiden damit das geringere Risiko einging.
Am Dienstag ging es aber wieder einigermaßen, dachte ich, bis ich mir wagemutig eine Käsescheibe aufs Knäckebrot legte und aß. Mein Magen rebellierte prompt und nachhaltig weiterhin mit Krämpfen. Also bleibt es bei Schonkost.
Immerhin war ich am Dienstag fit genug, mich wieder meinem Darttraining zu widmen.
Fazit: Die Technik wird besser, Zielgenauigkeit und Average steigen. Außerdem bin ich jetzt offenbar jemand, der 40,-€ Dartpfeile zurück zum Händler schickt, weil sie ihm „nicht liegen“, um sich dann für knapp 80,-€ selbst welche im Internet zusammenzustellen, in der Hoffnung, dass ihm diese besser liegen. Ich wünsche mir, dass diese Hoffnung erfüllt wird.
Schöne Zusammenfassung der Geschehnisse. Immer wenn ich so etwas lese, überlege ich, auch tagebuchmäßig zu bloggen, aber dann fällt mir nicht ein, was relevant und interessant wäre. Dann verlässt mich die Lust wieder.
„Blümerant“ habe ich lange nicht mehr gelesen. 👍