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Mittwoch, 09.September 2026 – Nach der Wahl

Tag drei nach der Wahl. Ich werde wohl weiter Tagebuch schreiben müssen. Das trifft mich hart.

Ich verstehe meine Heimat nicht mehr und ich finde sie gerade mal wieder maximal unsympathisch, obwohl ich selbst in meiner Freizeit von sympathischen Menschen umgeben bin. Mich mit diesen umgeben habe. So muss man es wohl sagen. Ich war am Sonntag Wahlhelfer in meinem Dorf. In dem Dorf also, in dem viele dieser Leute wohnen. Ich saß da einen halben Tag lang. Es kamen ganz normal Leute rein. Einen großen Teil kennt man persönlich. Klar, vermutet man bei dem ein oder anderen, dass er AfD wählt. Mit manch einem hatte man sogar schon auf irgendeiner Feier Diskussionen geführt. Fruchtlose Diskussionen selbstverständlich, denn wenn auf jedes Gegenargument mit Dingen wie „das stimmt doch nicht“ oder „das hast du doch aus den Mainstreammedien“ oder „ich schick dir mal einen Link, da kannst du dir das mal angucken“ oder „das ist mir alles egal, jetzt sind die mal dran“ reagiert wird, kommt man nicht weiter. Aber ansonsten waren das alles Leute wie du und ich. Da kamen keinesfalls 50% Assis zur Tür rein. Dennoch stand nach der Auszählung fest, das 55% meiner Nachbarn, die vor Ort wählen waren, mit Zweitstimme AfD gewählt haben (Briefwahl weiß ich nicht). Das muss man erstmal schlucken. Ich hatte zum ersten Mal seit Jahrzehnten keine Lust, Wahlberichterstattung zu schauen, als ich nach Hause kam.

Der Verein, in dem ich seit Jahren im Vorstand aktiv bin, hatte an den zwei Tagen vor der Wahl wieder ein grundsolide abgefeiertes Dorffest hingelegt. Mit Sommerkino, Sportturnieren und einer gut besuchten Rocknacht. Bevor ich zu meiner Nachmittagsschicht ins Wahllokal gegangen bin, hatte ich mitgeholfen, dass ganze Ding wieder wegzuräumen. Man fragt sich also, was den Leuten hier fehlt. In der Regel hat man hier ein eigenes Haus mit genügend Essen drin, ein Auto vor der Tür und eine funktionierende Dorfgemeinschaft. Rational ist das alles nicht mehr zu greifen. Die Leute hier müssen endlich verstehen, dass Gefühle objektive Fakten nicht ersetzen können und das man überhaupt für seine Gefühle selbst verantwortlich ist. Das man ab und zu auch mal gucken muss, ob es dort überhaupt schön ist, wo die herkommen… und wie begründet die überhaupt sind.

In einer ersten Reaktion hatte ich vor, alles hinzuschmeißen. Alle meine Ehrenämter im Dorf aufzugeben und es mir mit meiner Familie stattdessen selbst schön zu machen. Am Montag nach der Wahl sage ich das dann auch den anderen Leuten im Vorstand. „Zu den Vorstandswahlen im Oktober trete ich nicht wieder an.“. „Ob ich denn eine Macke hätte!?“, fragen sie mich in der direkten Art, für die die Region und wohl auch der Osten insgesamt bekannt sind und „das ich keinen Scheiß machen soll“. Sie versichern mir, dass sie das Ergebnis genauso ankotzt, aber das es doch auch nichts besser macht, wenn man jetzt nicht weiter macht. Ich sehe das zum Teil ein, aber mir ist auch nach Konsequenzen. Reaktionen wird es hier aus dem Verein heraus nicht geben. Wir sind kein politisch aktiver Verein und genau deswegen funktioniert er auch schon so lange so gut. Die Diskussion wird deswegen auch nicht besonders tief und ist schnell wieder vorbei. Auf dem Dorf diskutiert man nicht über Politik. Hier ist man einer, der macht und mitmacht. Nur so ist man wirklich Teil des Dorfes. Nur so funktioniert so eine überschaubare Gemeinschaft, wie sie ein Dorf nun mal ist. Wenn einen irgenwann jeder kennt, weil man sich einbringt. Wenn man weiß, bei wem man sich einen Heizstrahler oder eine Motorsäge leihen kann, wenn man mal eine braucht. Politik ist hier Privatsache. Nur das Tun zählt.

In einer Art Übersprungshandlung habe ich nach der Sitzung des Vorstands einen Mitgliedsantrag bei der Partei gestellt, die ich seit 1998 wähle. Mal sehen, wohin das führt. Mir ist sehr nach Kampf für Demokratie, phasenweise sogar nach Untergrundguerrilla. Meine Heimat hat verfassungstreu zu bleiben und die universellen Menschenrechte zu achten.

Leute, die ich auf den Demos der vergangenen Wochen immer wieder getroffen und deswegen irgendwann angesprochen habe, empfehlen mir, mal Monchis Buch „Jenseits der Brandmauer“ zu lesen. Werde ich demnächst machen. Schon der Teaser reicht mir um zu wissen, dass ich hier jeden Satz aus eigener Erfahrung werde bestätigen können. Totalitäre Systeme und deren Folgen wirken in den Menschen lange nach.

1 Kommentar

  1. Geht mir ähnlich. Es ist einfach nur frustrierend.
    Auch ich sehe die neuen Straßen, sanierte Häuser, zwei Autos in den Auffahrten – und trotzdem wählen hier 55% Faschisten. Und Fakten zählen einfach nicht mehr. Ich bin verzweifelt, wütend, genervt. Ach Mann.

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