Ein Freund von mir hat vor ungefähr fünf oder sechs Jahren eine neue Frau gefunden und die wollte er jetzt heiraten, was in seinem Bekanntenkreis allgemein ausschließlich begrüßt wurde, soweit ich das überblicke.
Der Polterabend am vergangenen Freitag sollte gleichzeitig die abschließende große Feier zu diesem Anlass sein. Weitere Hochzeitsfeierlichkeiten waren nicht geplant. Alle Gäste wurden mit einem Dresscode bzw. Motto konfrontiert. Nun bin ich absolut kein Fan von Verkleidungen, aber mit diesem Motto konnte ich rückblickend sehr gut leben.
Es wurde ein ehemalige Halle eines großen Blumenhandels im Stil der 1920er-Jahre dekoriert und alle sollten entsprechend gekleidet erscheinen. Das funktionierte sehr gut, sah in der Masse super aus und machte, zumindest mir, viel Spaß. Hatte „Babylon Berlin“-Vibes. Es wurden Paar- und Gruppenfotos vor Palmen und einem Oldtimer aus der Zeit geschossen. Da ich mal mit meinem Motorrad beim „Distinguished Gentlemans Ride“ mitgemacht hatte, hatte ich die gewünschte Kleidung schon da. Schiebermütze, Tweetweste, Taschenuhrkette, silberne Fliege. Nur meine Anzugshosen passten nicht mehr. Alle beide. Es waren einige Freunde da, einige Bekannte, viel Familie und viele Fremde. Die Band kannte ich auch und die hatten extra für den Abend ihr Repertoire teilweise auch in Swing-Varianten umgewandelt.
Wie das so ist, gab es einige Programmpunkte und viele Überraschungen durch die anwesenden Gäste. Da viele meiner Freunde sehr kreativ sind, war auch das schön kurzweilig. Ich trank Bier und „White Russian“, zügelte mich aber trotz guter Laune, da am Freitag noch Arbeit wartete. An diesen Polterabend werde ich mich gerne erinnern, da er mich irgendwo auch an die Hochzeit von Maria und mir erinnerte, die in einem ähnlich entspannt-herzlichen Umfeld stattfand und auch sehr sehr schön war.

Am Freitag nach dem Weckerklingeln war ich trotz aller Mäßigungen doch sehr froh, den Tag im Homeoffice verbringen zu können, obgleich die Telefonate an diesem Tag, fast wie zu erwarten, von der besonders nervenzehrenden Sorte waren.
Ich machte zeitig Feierabend, um am Nachmittag das Ausschlafen nachholen zu können. Hinterher war ich dann wieder einigermaßen fit.
Den Abend verbrachte ich im dann Zuschauerbereich der dörflichen Dartanlagen. Ligaspiel der ersten Mannschaft. Das war gleich mal spannender als Ally Pally. Dart ist ja im Grunde ein ewiges Elfmeterschießen, dass hier von unserem und dem benachbartem Dorf mit einer gesunden Mischung aus Anspruch und Spaß betrieben wurde. Nach mehr als drei Stunden Dartsport, fast zwei Dutzend an gespielten Einzeln und Doppeln, die zum Teil auch schon auf Messers Schneide entschieden wurden, kumulierte das alles in einem unbedingt zu verwandelnden Wurf vom jüngsten Teammitglied auf die Doppel-16, der darüber entscheiden sollte, ob unser Dorf gewinnt oder man sich unentschieden voneinander trennt. Nach diesem Dartmarathon, diesem dreistündigen Dauerfokus flirrte die Luft. Unser Karli atmete zweimal stoßartig aus und durch, warf … und traf ganz knapp ins untere linke Eck des Doppel-16-Feldes. Direkt im Anschluss explodierte der Raum.

Dann Samstag. Maria war gebeten worden, Fotos von der Trauung zu machen, da man einfach nur natürliche Fotos haben wollte und keinen gestellten, kitschigen Hochzeitsfotografenkram. Sie hatte zugesagt, war aber sehr aufgeregt. Lisbeth und ich fuhren zur moralischen und eventuellen technischen Unterstützung mit. Außerdem auch zur Koordination der Leute und für das Freihalten eines Parkplatzes für die künftige Braut. Als das alles erledigt war, landeten Lisbeth und ich dann doch noch mit in der Zeremonie, die eigentlich nur für die engste Familie und Trauzeugen vorgesehen war. Maria war schnell in ihrem Fotografenelement, auch wenn ihr bei 30° die Brille beschlug vor lauter Stress und Schweißbildung. Direkt nach der sehr lockeren Trauung mit Musikeinlagen der Patchworkkinder gab es noch einen kleinen Sektempfang im Grünen. Direkt danach flog das frisch vermählte Paar in die Flitterwochen. Passt zu ihnen, also passte das so.

Zuhause blieb noch Zeit für einen Snack und einen Mittagsschlaf, dann wurde der Mädelskinoabend von Hannah vorbereitet und bekocht, dann brachte ich Lisbeth zur Übernachtung zu ihrer Freundin Mia, dann holte ich Maria ab und wir fuhren nach Leipzig. Dort war einiger Stau wegen verschiedener Bautätigkeit und Heimspiel von RB Leipzig, was Zeit kostete. Zum Fußball wollten wir aber nicht, sondern noch einen Happen essen und landeten in einem veganen asiatischen Restaurant unweit des Clara(-Zetkin)-Parks. Das war sehr lecker. Ich aß eine sehr gut gefälschte knusprige Ente in einer sehr leckeren, sehr scharfen asiatischen Soße. Maria aß Ramen. Zusammen teilten wir uns eine Sushi-Platte. Dazu gab es hausgemachte Limonaden. Wenn einen der Kellner aber, trotz vorhandenem Kartenlesegerät, höflich und bestimmt in eine Paypal-Zahlung seiner Rechnung quatscht, weil man kein Bargeld mit hat, könnte das an der fehlenden Bereitschaft liegen, seinen steuerlich Anteil am Gemeinwohl leisten zu wollen. Mag ich nicht, andererseits ist der Leipziger Gastromarkt sicher auch sehr umkämpft.
Dann ging es noch ein Stück durch den Park auf direktem Weg zur Parbühne.
Vor dem Eingang, hinter den zwei Bierwagen hatten schon einige Studentengruppen und Familien ihre Picknickdecken ausgebreitet, um von dort aus der Musik zu lauschen. Wir hatten Karten, seit sie mir Maria zum Geburtstag schenkte und gingen rein.

„Tocotronic“, Hamburger Schule, Diskurs-Rock, dies das. Auf alle Fälle eine Band von meiner Bucketlist der unbedingt noch zu besuchenden Bands. Eine, mit der ich in den späten 90ern und frühen Nullerjahren noch garnicht so viel anfangen konnte, was sich aber mit der Zeit ganz langsam aber beständig wandelte. Daran Schuld waren hauptsächlich die Texte, die Haltung hatten und/oder gut und interpetierbar waren. Das war schön für den Kopf, hymnenhaft und aus heutiger Sicht oft auch zeitlos. Auch die Musik entwickelte sich. Also das musikalische Vermögen und damit der Wiedererkennungswert, die Eigenständigkeit der Band. Das wollte ich dann irgendwann in meinem musikalischen Alltag nicht mehr missen und eben auch mal live sehen.
Heute war es soweit. Nach der Vorband „Frau Lehmann“ aus Leipzig (zuerst originell nöhlig, auf Dauer aber auch zu eintönig leiernd) kamen die Herren auf die Bühne. Wie erwartet mischte man Songs des aktuellen Albums „Golden Years“ mit den größten Hits, während derer der größte Teil des Publikums die eigene Jugend heraufbeschwor und lautstark mitsang. Wobei es gerade diese älteren Hymnen waren, die von Lowtzow heute an stimmliche Grenzen brachten. Immer wenn er laut und aggressiv klingen wollte, klang er eher wie ein knödelnder Frosch. Stark war er aber in den Teilen und Songs, wo er seine ruhige, ganz normale Singstimme auspacken konnte. War auch das Tourende… wer weiß. Als Stoiker und Kantianer mag ich den Song „Pure Vernunft darf niemals siegen“ mit am liebsten. Der kam heute nicht, aber dafür gefühlt jeder andere Hit. Ich hatte einen schönen Abend und habe nun einen weiteren Haken an der Bucketlist. Maria ist noch mehr Fan und hatte daher sogar noch mehr Spaß als ich.
Die gestrige Trauerfeier für Charlie Kirk stank nach Reichskristallnacht und gequirltem Hirn. Extrem gruselig…