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Sa., 11.Juli 2026 – Reformpaket, Sommer, Soul

Ich habe letzte Nacht geträumt, dass sich Björn Höcke aus meiner tätowierten Haut einen schönen Lampenschirm hat machen lassen … nur falls sich jemand fragt, wie ich das Reformpaket der aktuellen Bundesregierung aufgenommen habe. 

Ansonsten wurde an diesem Tag viel gelaufen. Wir waren zweimal mit Umwegen am Strand. Einmal traf ich eine große freundliche Frau und ließ mich mit ihr fotografieren. Dann aßen wir im wohl ältesten Kaffee auf Usedom, das ein wenig staubig und oll war. Die Töchter waren müde vom Strand, Maria und mir war aber noch nach spazieren. Außerdem begannen zwei Orte weiter heute Freunde von uns ihren Urlaub. Wir hatten unabhängig voneinander nah beieinander mit einer Woche Überschneidung gebucht. Also liefen wir die zwei Orte weiter. 

Dort spielte in der Konzertmuschel eine Soulband aus Dresden namens „Souldiers“ Soul und das mit Spaß an der Sache und nicht mal so schlecht, weswegen wir die Freunde dorthin lockten. Ich kam auf meinem Platz erst mit einem Hund namens Lunak ins Gespräch, dann mit dessen Besitzerin und deren Tochter. Die Besitzerin von Lunak war gleichzeitig die Exfrau vom Trompeter, der wiederum Vater der Tochter war. Man wolle dennoch zusammen nach Schweden in den Urlaub fahren, weswegen man heute noch eine Fähre ab Swinemünde erwischen müsse, weswegen das heute nicht so lange gehen dürfe. So kam es dann, dass die „Souldiers“ eine Zugabe vorzogen, damit der Trompeter schon mal gehen konnte. Während des Konzerts war dann auf einmal auch ein Gospelchor auf der Bühne, den man zufällig getroffen und eingeladen hatte. Nachdem mir eine Möwe auf den Arm kackte, gab mir die Besitzerin von Lunak ein Taschentuch.Es war recht zauberhauft.
Nach dem Konzert sahen wir von der Seebrücke Heringsdorf aus das Feuerwerk auf der Seebrücke Bansin. 

In der Unterkunft stellten wir dann fest, dass der Fußball heute nicht in unserem Fernsehen kommt, weswegen wir nur noch den Rotwein vom Vortag leerten und dann schlafen gingen.

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Fr., 10.Juli 2026 – Bestimmertag, Handwerker, Pizza

Der Bäcker duzt mich jetzt, also duze ich den Bäcker auch. Außerdem wundert er sich, dass ich dieses Mal zusätzlich zu den Brötchen Kuchen verlange. Zwei Nussecken und ein Schweinsohr, um genau zu sein. »Na ja, geht siche mit zum Strand, neech?« findet er für sich eine Antwort. »Gehe ich stark davon aus« antworte ich. »Macht ihr richtich« erwidert er. Außerdem preist er noch so Blätterteiggeschichten an, einmal mit Spinat und einmal mediteran gefüllt. »Vielleicht beim nächsten mal«, sage ich und »Muss ich erst mit der Familie drüber reden.«. Mit einem »Yo, schüss denn, macht euch einen schönen Taach«, verabschiedet er mich. 

Entlang des Weges findet links und recht an jedem zweiten Grundstück Arbeit statt. Grünpflege hauptsächlich, aber auch kleinere Bauarbeiten. Heute ist Freitag und da geht es sicher darum, den morgigen Anreisetag schick zu machen. Ich frage mich, wie sich das für die Einheimischen wohl anfühlt, tagein, tagaus fremde Touristen zu bedienen.. mir würde das doof vorkommen, andererseits muss man auch was essen und Kredite abbezahlen. 

Nach dem Frühstück hat Hannah Bestimmertag. Den Bestimmertag haben wir irgendwann mal eingeführt, um die Kinder an der Urlaubsgestaltung teilhaben zu lassen. Am Bestimmertag wird gemacht, was der Bestimmer sagt. (Weitgehend) ohne Widerworte.
Hannah will Bus fahren und im Zentrum nochmal die Pommes mit Trüffelmayo essen, die wir am ersten Tag aßen. Bei der Busfahrt sehen wir ganz Bansin. Auf der Seebrücke in Heringsdorf kaufe ich mir eine neue Badehose, auf der steht „Schietwetter“. Die mitgebrachte hält Maria für untragbar, meine zweite Badehose ging auf dem Zeltplatz in Durness verloren. Nun habe ich diese hier. Auch gut. 

Wir gehen am Strand zurück, nach einer Stunde Pause gehts an den Strand. Nebenan spielt eine Familie (Mutter, Vater, Kind) ein Spiel, dann streiten sich Mutter und Vater sehr heftig über die Spielregeln und -darauf aufbauend- darüber, wie beschissen der ganze Urlaub läuft. Die Tochter geht ein Stück weit weg und beschäftigt sich mit dem Sand. Sie scheint das schon zu kennen. Das Spiel wird nicht zu Ende gespielt. 

Ich bin mit dem Test meiner neuen Badehose so zufrieden, dass ich einen Schwimmausflug zur Boie wage, die das Ende des Schwimmerbereichs markiert. Das hatte ich mir ehrlich gesagt leichter vorgestellt. Es streckt sich ganz schön. Zwischendrin muss ich sogar mal kurz an die Nachrichten von den tödlichen Badeunfällen denken, die nahezu nur Männer betraf, die sich selbst überschätzt haben. Als ich dann aber erstmal an der Boie angekommen war, war der Rückweg ganz einfach. 

Abends gibts Pizza, Fußball und Rotwein.

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Do., 9.Juli – Taler, Licht und Livemusik

Aus Gorki wurde heute doch nichts. Seit ich gelesen habe, dass er im Alter seine Ideale aufgegeben hat, um sein Leben als sowjetischer Volksheld zu genießen, habe ich das Interesse verloren. 

Am Vormittag bummeln wir heute, wie befürchtet, die Ess- und Klimbimbuden des Seebrückenfestes ab. Ich war kurz davor, mich für ein Handbrot zu entscheiden, als die Verkäuferin von einem Opi „7 Taler“ verlangt hat. Bei dieser Mittelaltergrütze bin ich raus. Stattdessen gab es Langos für ebenso ausgedachte Euros.

Die Strände werden voller vor den Orten. Da wir aber irgendwie zwischen den Orten wohnen, gehts bei uns eigentlich. Dafür fiel mir auf, wie ungerecht die aktuelle hochstehende Ostseesonne zu Menschenleibern ist. Zu ausnahmslos allen. Selbst langbeinige Studentinnen haben in dem Licht keine langen Beine mehr, sondern mit Speck, Gebein und Fleisch vollgestopfte kraterige Pelle. Weder Mann noch Frau kommen in dem Licht ungestraft davon. Nicht das ich in meinem Alter noch viel auf Optik gebe … fiel mir nur auf und fand ich in aller Ungerechtigkeit irgendwie gerecht.

Als wir fertig mit dem Ostseebad und dem Lesen in unserer Popup-Strandmuschel sind, sind die Strandkörbe um uns herum nur noch verlassene Skelette. Einige tragen Luftmatratzen und anderes Strandutensil in ihren Bäuchen. Wir haben keinen solchen Korb, denn wir haben es dank unserem weißen Gartentor nicht weit. 

Am Abend schleiche ich mich mit Maria und ohne Kinder nochmal aus dem Haus. Gucken was das Brückenfest so kann. Das hält sich aber in Grenzen. Eine typische Strandbühnenband covert und spielt eigene Lieder. Beides recht lust- und herzlos. Wir trinken ein zwei Getränke und gehen wieder nach Hause.

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08.Juli 2026 – Gorki, Schmacht & Badetag

Im Urlaub bin ich immer derjenige, der Brötchen holt. Ich bin zeitig wach und gerne alleine in mir fremden, erwachenden Orten unterwegs. Zu einem authentischen Urlaub gehören für mich außerdem authentische Brötchen vom örtlichen Bäcker. Wegen diesem Spleen muss ich in diesem Urlaub aller zwei Tage zwanzig Minuten zum einzigen Bäcker laufen, der nicht zu einer Kette gehört und dann wieder zwanzig Minuten zurück. Bei dem Bäcker treffen sich Einheimische zu Klönsnack und Zeitungslektüre bei einer Tasse Kaffee. Auf dem Tresen liegt eine „Bild“, die er mit den Worten: »De Zeitung packen wi mal fix weg. Dat eenzige, wat do stimmt, is dat Datum.« beiseite packt. Ich bin spät dran, es gibt nur noch Reste, ich trete dennoch mit einem vollen Beutel den Rückweg an. Die Brötchen sind sehr gut, weil eigenständig und authentisch.

Auf dem Rückweg komme ich wieder an der Villa vorbei, vor der eine Figur steht, die mich vor zwei Tagen an Nietzsche erinnert hat. Ist aber nicht Nietzsche, stelle ich heute fest, sondern Maxim Gorki, der sich hier mal zur Erholung aufhielt. Von dem habe ich zuletzt in meiner Kinheit in der DDR gehört, würde ich meinen und das hatte ganz sicher nichts mit dem historischen Gorki zu tun… es war mit den Marxisten im Sozialismus also ähnlich wie bei Jesus im Christentum.
Ich lese daher später in seinem Wikipedia-Eintrag von einer Kindheit wie in einem Fiebertraum, von Auseinandersetzungen mit Lenin und davon, dass Maxim Gorki eigentlich ein Pseudonym ist, dass sich mit „Der Bittere“ übersetzen lässt. Er wurde ein paar Mal nur deshalb nicht vom System verschlungen, weil er in der Bevölkerung so beliebt war und gewichtige Fürsprecher hatte. Ihm ging es um Marx und soziale Gerechtigkeit. Das hat mein Interesse geweckt. Muss ich mehr drüber erfahren. Am Donnerstag hat die Ausstellung in der Villa offen. Fangen wir also dort an.

Mit Beginn des Urlaubs habe ich (einmal mehr) mit Nikotinentzug begonnen. Ich wünschte, ich könnte die ersten drei bis fünf Tage, wo es rein um den körperlichen Entzug geht, als eindringliche Erinnerung für den Moment speichern, wo ich betrunken auf einer Party sage: »Los komm, gib mir mal eine…«. Diese ersten drei bis fünf Tage mit dem ganz üblen Schmacht, der inneren Unruhe und dem nervösen Muskelzucken, nur weil Nikotin aus dem Körper verschwindet und alle Rezeptoren „Nachschub!“ schreien, die sind wirklich übel. Ich hoffe, ich mache das nun wirklich zum letzten Mal. 

Heute scheint die Sonne, was nach dem grau der letzten drei Tage richtig schön ist. Die Temperatur reicht aber noch nicht zum Baden, also machen wir einen Spaziergang. In Bansin bereitet sich alles auf das Seebrückenfest vor. Stände werden aufgebaut, Deko aufgehangen. Ab morgen geht es los. Vom Abendprogramm der vier Tage interessieren mich höchstens zwei Sachen. Das ist nicht nichts und tagsüber werden sich meine Mädels auch mal durch die Verkaufsstände wühlen wollen, nehme ich an.

Hinter Bansin geht es einige Treppen rauf auf eine Steilküste. Dort, im Wald auf der gefährdeten Steilküste ist es sehr schön. Als die Töchter absolut nicht mehr weiterlaufen wollen, balancieren wir dem Stamm eines umgestürzten Baumes hinterher hinunter zum Strand und laufen dort zurück. Erst ist er menschenleer, dann kommt ein FKK-Abschnitt, der meine Töchter irritiert und dann kommt der Hundestrand. Hundestrand kommt meiner Vorstellung von Paradies ziemlich nahe. Alles ist voller Menschen in Eintracht mit ihren sehr glücklich wirkenden Vierbeinern. Das habe ich sehr gerne gesehen. 

Wir gehen durch unser kleines weißes Gartentor und machen eine kleine Mittagsruhe. Anschließend geht es in Badekleidung an den Strand. Das Thermometer ist jetzt leicht über 20°C… das reicht mir für einen ersten Badegang. Es hat sogar Wellen und mit den Töchtern ist es, dass kann man für den gesamten bisherigen Urlaub sagen, sehr harmonisch. Sie haben untereinander und mit uns eine sehr gute Wellenlänge.
Morgen ist Donnerstag.. da geh ich zu Gorki aber nicht zum Bäcker…

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7.Juli 2026 – Verpasstes, Ostsee, Erdbeerium

Weil ich im Februar hier zum letzen Mal schrieb, schrieb ich vieles nicht. Ich schrieb zum Beispiel nicht von meiner wundervollen Schottlandrundreise Anfang Mai, bei der mir am vorletzten Tag in Edinburgh das Motorrad gestohlen wurde. Ich schrieb auch nicht vom Pixies-Konzert vergangene Woche, vor welchem mein Auto liegen blieb und vom ADAC abgeschleppt werden musste. Auch über das Festival, welches ich mit Freunden bei knapp unter 40°C über die Bühne bringen musste, erfuhr man hier nichts.
So ist das eben, wenn man tägliche Routinen bricht und diese dann diese Bezeichnung nicht mehr verdienen. In dem Fall gehen ein Haufen Erinnerungen verloren und etwas Struktur im Tag. 

Jedenfalls sind wir gerade an der Ostsee auf Usedom. Wegen der ADAC-Geschichte muss man sagen: »Mit etwas Glück«. Außerdem bin ich ganz froh, dass meine Familie mich hinsichtlich meiner eigentlichen Pläne, einen kleinen Skandinavienroadtrip zu starten, überstimmt hat. Die Familie wollte Ruhe und keine 3.500 km im Auto, und ich weiß inzwischen nicht mehr, was ich diesem Auto noch zutrauen kann.

Jetzt haben wir eine Ferienwohnung in den Kaiserbädern. In den Sommerferien.
Wenn wir aus unserer Ferienwohnung raus und dann über den kleinen Parkplatz gehen, können wir so ein kleines weißes Gartentor aufschließen. Wenn wir durch das Gartentor hinausgehen, stehen wir mitten auf der Strandpromenade und damit direkt vor einem Strandaufgang, also der Ostsee.
Als ich das das erste Mal gemacht habe, musste ich an den ersten Ostseeurlaub mit Maria denken. Wir wohnten am Achterwasser in einer Trabbi-Garage, der man notdürftig den Anschein eines Ferienappartements gegeben hatte. Gleich danach musste ich an den ersten Ostsee-Urlaub mit Hannah denken. Da waren es gut drei Kilometer mit einem zusammenfaltbaren Bollerwagen bis zum Strandaufgang. Jetzt sind wir solche Leute, die durch ein kleines weißes Gartentor zum Strand gehen. Die Unterschiede sind nicht so groß, wie man denkt, denn am Ende landet man immer an der Ostsee.

Es sei denn, es regnet, weil dann landet man in einer der clever durchdachten Erdbeertempel, zusammen mit Leuten, die auch gerade Ferien haben… aus Döbeln, Chemnitz und Bautzen also.
Ab morgen soll es wieder sonnig werden bei mir sehr angenehmen 22°.